Im Interview: Silke Spiegelburg

Silke Spiegelburg hält mit einer Höhe von 4,82 den Deutschen Rekord. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 wurde sie Vierte. 2013 erreichte sie bei der Weltmeisterschaft in Moskau mit sehr guten 4,75 m den gleichen Platz. Ein Interview aus dem letzten September über die Fazination ihres Sportes und die Widrigkeiten im Wettkampf. 

Frau Spiegelburg was bedeuten Titel und Medaillen für Athleten ?

Medaillen sind auf jeden Fall sehr viel Wert. Für einen persönlich ist es das I-Tüpfelchen eines harten Wettkampfes. Wenn man bei einer Meisterschaft vierte oder fünfte wird mit persönlicher Bestleistung dann kann man immer noch voll zufrieden sein. Man weiß man hat alles gegeben, was an dem Tag möglich war. Aber wenn man dann noch eine Medaille bekommt, das ist dann noch ein Bonus. Durch eine Medaille kriegt man auch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und ist dadurch finanziell abgesichert. Deshalb spielt das für viele Athleten eine Rolle, rein sportlich gesehen, ist es das schönste und größte, wenn man eine Medaille in der Hand hat, die man persönlich erreicht hat.


Mit welche Vorstellungen sind sie nach London gegangen ? Das waren ja die 3. Olympischen Spiele für Sie.

Ich war im Vorfeld in Monaco Siegerin beim Diamond- League-Meeting und damit auch Weltjahres Beste, von daher war da ein gewisser Druck, den habe ich mir auch selbst auferlegt habe, weil ich gesagt habe es kann alles passieren. Ich wollte erst mal gucken wie die Witterung ist, aber ich weiß, dass ich bei schlechtem Wetter auch gut springen kann. Ich habe mir gesagt, ich gebe an dem Tag mein bestes und versuche natürlich vorne mitzuspringen. Ich hatte mir schon eine Medaille erhofft gehabt und das ich so knapp mit dem 4. Platz daran gescheitert bin, das war schon sehr bitter. Das war dann zusätzlich ein bitterer Beigeschmack und von daher muss ich das mittlerweile abhacken. Ich kann damit zufrieden sein, dass ich da gesund raus gekommen bin, weil wir hatten sehr schwierige Windbedingungen, leichten Regen und Kälte. Aber vor allem der Wind kann auch sehr viele Gefahren mit sich bringen. Vor allem, wenn man sieht, dass sich in der Quali eine den Arm gebrochen hat. Und sich einige die Fersen geprellt haben, oder mit der Achillessehne in Probleme gekommen sind, weil sie schlecht in den Einstiegskasten gekommen sind.


Wie groß war die Enttäuschung im ersten Moment nach dem erreichen des 4. Platzes ?

Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, die Frage ob das alles noch einen Sinn überhaupt hat, schmeiß ich am liebsten gleich alles hin, ich beende meine Karriere, es hat ja eh keinen Sinn, da kam alles hoch. Es war in dem Moment sehr sehr schwer, irgendwann hat dann die Traurigkeit gesiegt, die Tränen flossen, ich konnte es nicht mehr unterdrücken.

Ich bin nun mal ein emotionaler Mensch, dass kann ich nicht immer ganz unterdrücken.

Dazu muss ich auch sagen, dass es mir dann auch ein bisschen peinlich war, dass so viele Millionen von Menschen das dann gesehen haben. Weil das wollte ich eigentlich auch nicht so, dass ist aus der Situation heraus über mich gekommen und ich konnte das nicht unterdrücken. Danach hatte ich auch noch Dopingkontrolle, das war auch hart. Das man in seiner Traurigkeit dann auch noch zur Dopingkontrolle muss. Am liebste wäre ich gleich rausgegangen und hätte mich irgendwo in einer Ecke zurückgezogen. Zum Glück waren meine Eltern da und mein Freund, die mich dann auch aufgefangen haben. Mein Trainer war bei mir, bei der Dopingkontrolle, im Wartetraum und hat mich dann auch getröstet und von der Mannschaft wurde ich auch gut aufgefangen, das war dann ganz gut so.


Sie können von Ihrem Sport leben. Damit sind sie die Ausnahme unter den deutschen Spitzensportlern. Ist das richtig so ?

Ja. Ich kann zurzeit auf jeden Fall von meinem Sport leben. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich einen Job nebenher einfach weglassen kann. Ich studiere nebenbei, viele machen halt was anderes, aber ich hab das Studium gewählt, Gesundheitsökonomie an der Uni Köln. Das läuft soweit ganz gut, mittlerweile habe ich auch eine ganz gute Kooperation mit der Uni gefunden. Die unterstützen mich da auch sehr gut. Da muss man alles selber organisieren und koordinieren, da muss man auch sehr diszipliniert sein.

Da kann ich mir auch vorstellen, dass da man Sportler unterstützt, wie man das macht, vor allem junge Sportler, die auch gerade aus dem Elternhaus raus sind. Das war schon nicht einfach, ich bin in der glücklichen Situation gewesen, dass mein Bruder Richard schon in Leverkusen einige Jahre gelebt hat und auch Studium, Leistungssport und eigenen Haushalt unter einem Hut gebracht hatte. Das ich da so gut reingekommen bin und er mir das alles so ein bisschen gezeigt hat. Wie kann man das alles so untereinander regeln und von daher habe ich was das anging einen sehr guten Einstieg in das ganze bekommen. Da bin ich auch sehr dankbar dafür, aber da bin ich glaube ich auch wirklich die Ausnahme.


Familie hat eine große Bedeutung bei Ihnen, Ihr Vater hat sie trainiert und ihr Bruder ist selber Stabhochspringer ?

Ja, ich habe drei ältere Brüder, die haben alle Stabhochsprung gemacht. Mein ältester Bruder wollte das unbedingt machen, mein Vater ist Sport- und Biolehrer gewesen und mein Bruder hat ihn dann so lange genervt, bis er dann gesagt hat, dass er sich einarbeitet, dadurch ist das dann alles entstanden, dann wollte der zweite Bruder, dann wollte der dritte Bruder. Ich war dann ab und zu beim Training und hab zugeguckt oder hatte so ein ganz kleinen Stab für mich und bin damit in die Sandgrube gehüpft.

Dann wollte ich auch mitspringen. Damals war Frauenstabhochsprung noch gar nicht so aktuell, sodass mein Vater nicht drumherum kam und mich mittrainieren musste, damit hatte er nicht gerechnet.


Was sagen Sie zu der Medaillenvorgabe durch den DOSB und wie haben Sie die Diskussion über die Zielvorgaben während der Olympischen Spiele mitbekommen?

Man hat das schon mitbekommen, weil auch die ganzen Funktionäre darüber diskutiert haben. Natürlich fangen dann auch die Diskussion bei uns innerhalb der Mannschaf an. Weil wir uns auch unsere Gedanken machen, wie sieht das finanziell aus, haben wir die Vorgaben eigentlich erfüllt? Wir wissen, dass die letzten olympischen Spiele in Athen und Peking nicht sonderlich erfolgreich waren, was Medaillen anging. Aber wir haben in Peking, obwohl wir nur eine Medaille gemacht haben, im Verhältnis sehr gute Leistungen gebracht. Wir haben es leider verpasst Medaillen zu kriegen, aber die restlichen Leistungen sind dadurch leider untergegangen.

Andererseits kann ich es verstehen, irgendwo muss man ja ansetzen oder wie viele Athleten haben wir unter den ersten 8. Trotzdem aber irgendwo muss ich eine Grenze ziehen. Weltweit wird an den Medaillen gemessen und ich finde es auch okay. Aber dazu muss ich sagen, wenn wir ein besseres System zur Förderung des Nachwuchs hätten. Dann könnte man die angestrebten Medaillenvorgaben auch eher erreichen, aber das ist so ein bisschen widersprüchlich. Das finde ich ist ein ganz großes Problem in Deutschland.


Frau Spiegelburg, Sie haben sich jedes Jahr gesteigert, dieses Jahr sind Sie deutschen Rekord gesprungen mit einer Höhe von 4,82, persönliche Bestleistung. Können Sie sich vorstellen in vier Jahren in Rio mit dabei zu sein ?

Man muss natürlich Gesund bleiben und sich keine Verletzungen zuziehen und das habe ich in den letzten Jahren immer ganz gut hingekriegt. Grippale Infekte haben mich zwar immer wieder aus der Bahn geworfen, aber ich war körperlich gesehen immer gesund. Ich hoffe das, dass die nächsten Jahre auch so bleibt und dann werde ich sehen, wohin die Reise geht. Ich weiß, dass ich da noch nicht ausgereizt bin und das ich auf jeden Fall noch höher springen möchte. Ich hoffe, dass die nächsten Jahre weiterhin so erfolgreich sind und es aufwärts geht.
 
Das Interview führte Fred Kowasch.

Bearbeitung: Zacharias Zwengelmann

 

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