„Drei …, Zwei …, Eins …" - Mein Auftritt bei der WM der 'Profi-Blobber'

„Weisst Du überhaupt worauf Du Dich eingelassen hast?“. Der amtierende Weltmeister brachte es auf den Punkt. Nein, dass wusste ich definitiv nicht. Jedes Jahr würde hier ein Springer mit Sprungverletzungen im Krankenhaus landen, sagte er noch sinngemäss. Bevor er mit einem breiten Grinsen von dannen zog. Anfang Juli im österreichischen Ötztal. ‚Area 47, einer der wohl spektakulärsten Wassersportfreizeitspark in Europa. Die Weltmeisterschaft der ‚Profi-Blobber‘. Und ich mittendrin.

von niels.diving

Ich selbst bin leidenschaftlicher Klippen- und Showspringer und daher selbstverständlich seit Jahren fasziniert von den spektakulären Stunts der Extremblobber. Als vor einigen Monaten endlich bekanntgegeben wurde, dass das Event - nach der Coronapause - in diesem Jahr wieder stattfinden wird, war mir klar, dass ich unbedingt auch teilnehmen möchte. Zwei Freunde - die bereit waren mich in die Luft zu schießen - waren schnell gefunden und so bewarben wir uns offiziell für den Wettkampf. Recht zügig erhielten wir, sowie auch die anderen vier Teams aus unserem Showspringverein „Cologne Bombs“ eine Zusage.

Pünktlich zum Beginn der Sommerferien fuhren wir in einer großen Gruppe nach Österreich. Angekommen in der ‚Area 47‘ bestaunten wir erst einmal die modernen und frisch renovierten Zimmer, die uns für das Wochenende gratis zur Verfügung gestellt wurden. Auch Speisen und Getränke sollten uns für die nächsten Tage nichts kosten. Wir tauschten also unsere körperliche Unversehrtheit gegen Kost und Logis ein. Ein komisches Gefühl.

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Paradies😍 Wohin geht es für euch👇😎 -NICHT NACHMACHEN! Alle Aktionen im Video wurden von Profis ausgeführt- ##cliffjumping ##fürdich ##flip ##fyp

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Viel Zeit zum Nachdenken blieb allerdings nicht, denn kaum hatten wir unsere Sachen in den Zimmern abgestellt, wurden wir zum ersten Training gerufen. Kurz darauf kam der Moment, in dem mich die Realität aus meinem Höhenflug wieder zurück auf den Boden holte. Und zwar mit einem lauten Knall und Atemnot. Bereits im ersten Trainingssprung verlor ich die Kontrolle und landete mit voller Wucht auf Bauch und Gesicht. ‚Zum Glück‘ nur aus einer Trainingshöhe von ungefähr sieben bis acht Metern. Aber trotzdem musste ich für den restlichen Tag aussetzen und mich bestmöglich von diesem Sturz erholen. Denn die Schmerzen gingen über Stunden nicht weg.

Ab da begann ein zähes inneres Ringen. Einerseits war mir klar, dass ich hierhergekommen war, um am Wettkampf teilzunehmen. Die Anmeldung war bereits ausgefüllt, die Betten bezogen und auch die Startnummer ‚3’ stand bereits fest. Andererseits war mir sofort klar, sollte der gleiche Fehler im Wettkampf nochmal passieren, würden sich die Verletzungen wahrscheinlich nicht nur auf ein paar blaue Flecken belaufen.

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Was ist „Blobbing“ überhaupt? Das Funktionsprinzip ist simpel: Mehrere Athleten springen aus einer erhöhten Position in ein Luftkissen und katapultieren so einen weiteren, bereits im Luftkissen liegenden Sportler in die Höhe. Dieser landet nach kurzer Flugzeit bereits wieder im Wasserbecken. Beim „Extreme Blobbing“ geht es nun darum, in der Flugphase die bestmöglichen Tricks zu vollführen, um die höchstmögliche Punktzahl von der Jury zu erhalten und das Preisgeld in Höhe von 1000 Euro einzustreichen. So zeigen die Athleten mehrere Front- und Backflips, Schrauben und weitere Figuren, während ihnen die Zuschauermenge zujubelt. Der Eintritt an diesem Tag ist frei. 

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Als ich am nächsten Tag zögernd vor dem Blob stand, um mir die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, war es nicht sehr hilfreich für mein ohnehin schon überfordertes Gehirn, dass der amtierende Weltmeister mir dort ins Gesicht sagte: „weißt du überhaupt, worauf du dich eingelassen hast?!“ Diesen Satz konnte ich nicht so schnell vergessen. Was von seiner Seite wohl als ‚psychologische Kriegsführung‘ gedacht war bewirkte bei mir allerdings eher das Gegenteil.

Von meinen Teamkameraden noch einmal motiviert, zog ich mich kurz danach doch noch einmal um und machte mich bereit, die Trainingssprünge erneut zu absolvieren.

Trotz großer Nervosität liefen die Sprünge dieses Mal alle ohne weitere Zwischenfälle ab. Und mit neuer Zuversicht versehen, fieberte ich nun dem Wettkampf entgegen.

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Manchmal geht eben etwas schief🙁 ##flip ##backflip ##blob ##viral ##fürdich ##fyp

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Viel zu schnell war es dann bereits 16 Uhr. Noch eine halbe Stunde bis Wettkampfbeginn. Die Organisatoren versammelten noch ein letztes Mal alle Teams zum Abschlussbriefing. Noch einmal bekamen wir zu hören, dass wir natürlich auf eigene Gefahr teilnehmen und niemand für etwaige Verletzungen oder Todesfälle haften würde.

Doch das hatte ich in den letzten Tagen schon zu oft gehört und so schockte mich die Nachricht nicht mehr. Meine Nervosität konnte ich mittlerweile aber nicht mehr überspielen. In zehn Minuten sollten die Teams vorgestellt werden und der Wettkampf gleich darauf beginnen.

Als drittes Team wurden wir - unter großem Jubel der Zuschauer - nach vorn gebeten und ich wusste: Nun gibt es kein Zurück mehr.

Die ersten Teams absolvierten ihre Sprünge mit Bravour. Dann rief der Moderator meinen Namen auf. Ehe ich mich versah, krabbelte ich über das Luftkissen, legte mich auf den Rücken und winkte noch einmal den Zuschauern zu. Ich wusste: Gleich fliege ich so hoch wie noch nie zuvor.

Natürlich bin ich in der Vergangenheit bereits aus Höhen, die weitaus höher als zehn Meter waren gesprungen, aber sich von einem Luftkissen in den Himmel schießen zu lassen? Der pure Wahnsinn!

Die größte Angst war die Ungewissheit, nicht zu wissen, wo hoch ich hier in die Luft katapultiert werden würde. Allerdings konnte ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken machen, denn mein Team stand bereits an der Absprungstelle. Dieses Mal auf neun Metern, doppelt so hoch wie noch im Probedurchlauf. Aus dieser Höhe auf das von oben so klein wirkende Luftkissen zu springen, war auch für meine beiden Teamkollegen komplettes Neuland. Doch ohne lange zu zögern zählten die beiden laut und für gut hörbar herunter: „Drei …, Zwei …, Eins …, BLOB!“ Ich spannte alle meine Muskeln an und machte mich so gut wie möglich bereit für meinen Flug.

Dann plötzlich ein lauter Knall, ich drehte mich einmal und schaute plötzlich aus gut 15 Metern herunter. Die Zuschauer und der Blob wurden immer kleiner und kleiner. Ich schaffte es die Rotation zu kontrollieren, führte noch einen Salto aus und landete nach einer gefühlten Ewigkeit wieder sicher im Wasser. Und nicht - wie im ersten Probedurchgang einen Tag zuvor noch - auf Gesicht und Bauch.

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Wer würde auch gerne mal Blobben?❤️😱 ##cliffjumping ##fürdich ##viral ##fyp ##blob ##flip ##backflip

♬ Originalton - Niels


Unter dem Jubel meiner Teamkameraden und der Zuschauer schwammen wir gemeinsam zum Ufer warteten gespannt auf die Wertung der Jury.

Letztendlich reichte es nicht für den Finaleinzug. Da andere, weitaus erfahrenere Springer, meine Leistung deutlich in den Schatten stellten. Mein persönliches Ziel hatte ich jedoch erreicht: Mitmachen, ‚Überleben‘ und zwischen all der Aufregung wenigstens ein bisschen Spaß haben. Insgesamt wurde ich Siebter. Von elf Teilnehmern einer Weltmeisterschaft. In einem österreichischen Krankenhaus bin ich auch nicht gelandet. Sondern weitergefahren. Mit meinen Freunden von den ‚Cologne Bombs‘ nach Kroatien und Italien. Dort sind wir von einsamen Klippen, historischen Brücken und einem verlassenen Hotel gesprungen. Polizeijagd inklusive. Aber diese Geschichte erzähle ich später.

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Niels bei Instagram: https://instagram.com/niels.diving?r=nametag

Tags: Cologne Bombs, Blobbing, Klippenspringen, Area 47, Ötzal, Weltmeisterschaft, Profi-Blobber

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