Unerwünschte Aufklärung – Was aus den Kronzeugen im Radsport geworden ist (III)

Vor acht bis zehn Jahren sorgten ihre Fälle für Schlagzeilen. Insider aus dem Radsport, die ihr Wissen öffentlich machten. Über Dopingpraktiken berichteten, über die Mittäterschaft von Trainern, Ärzten und Funktionären sprachen. Ihre Aussagen schockierten die Öffentlichkeit, gaben einen Einblick in die bis dahin weitgehend verdeckten Strukturen im professionellen Radsport. Die Folgen jedoch waren überschaubar. Konsequenzen gab es so gut wie keine. Eine Serie über Whistleblower, ihre Motive und die Konsequenzen.

von Ralf Meutgens und Fred Kowasch

Der gewissensgeplangte Sportarzt:

"Wenn man sich dazu entschliesst, sowas aufzudecken, an die Öffentlichkeit zu gehen, dann muss man leider wirklich rücksichtslos sein. Und mit genau so harten Bandagen kämpfen wie die Gegenseite. Hätte ich nicht den Sportwissenschaftler in der Praxis damals gewarnt, wären die Festplatten nicht gelöscht worden. Ich hätte mich von der NADA nicht abwimmeln lassen dürfen, und ich hätte wahrscheinlich direkt zur Staatsanwaltschaft gehen sollen."  

radsport1Heute weiss es Johannes Lüke besser. Im Oktober 2006 nicht. Damals arbeitete er als junger Arzt in einer renommierten Hamburger Sportmedizin-Praxis als Vertretung. Dabei erfuhr er vom systematischen Doping mehrerer bekannter Crossfahrer. 

Er machte dies in einer großen überregionalen Tageszeitung öffentlich. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelte und am Schluss akzeptierte der renommierte Sportmediziner, den Lüke vertreten hatte, einen Strafbefehl über 39.000,- Euro. Auswirkungen auf die Approbation oder die Kassenzulassung des renomierten Arztes hatte dies nicht. Die beteiligten Radsportler kamen – aufgrund der dafür unzureichenden Gesetzeslage – weitgehend ungeschoren davon. Auch vom BDR bekamen sie nach jahrelangen sportrechtlichen Diskussionen keine Strafe.

Für Johannes Lüke hatte dieser Fall erheblich negative Auswirkungen. Seine 10.000 Euro an Anwaltskosten hat ihm bis heute keiner bezahlt. Seit seiner Aussage gilt er in der deutschen Sportätzteszene als 'verbrannt': 

"Doping ist weit verbreitet, es ist kein Rad- oder Spitzensportphänomen, und dagegen zu sein, heisst fast automatisch, dass man eine "richtige" Sportarztkarriere vergessen kann. Was nicht heisst, dass ich allen Kollegen unterstelle, dass sie aktiv dopen. Aber dass sie mitschwimmen und die Fresse halten, das denke ich schon." 

Johannes Lüke hat Deutschland verlassen. Heute arbeitet er als niedergelassener Arzt in der Schweiz. "Da ich Ungerechtigkeit nicht ausstehen kann, würde ich immer und jederzeit wieder etwas sagen. Allerdings würde ich mich im Vorfeld mehr absichern und mich wahrscheinlich auch mit meinem Umfeld mehr besprechen."

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Der Rennarzt, der Olympiamedaillengewinner, der Radamateur. Drei Beispiele dafür welche Folgen Aufrichtigkeit im Leistungssport haben kann. Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz. Sportler und Betreuer aus anderen Bereichen. Auch ihr Handeln machte Schlagzeilen, ist heute aber weitgehend vergessen. Und: obwohl es ein Anti-Doping-Gesetz gibt, fehlt darin eine Regelung für Whistleblower. An einer gesonderten Kronzeugenregelung "besteht kein Bedürfnis". So die Begründung aus dem Bundesjustizministerium.

Immer noch aktuell: Placebo für die Öffentlichkeit

Aktuell: 0,02 Prozent - Die 'Erfolgs'quote der NADA bei den Doping-Trainingskontrollen 2015 ....

Ein Film von Fred Kowasch und Ralf Meutgens - 
sport inside, 17.03.2014, 22:45 Uhr (WDR)


Das Anti-Doping-System in Deutschland wird oft als leuchtendes Beispiel genommen. Viele Kontrollen, zwei hoch angesehene Analyselabore, zahlreiche Kontrolleuren und ein kleinteiliges Meldesystem – insgesamt hervorragende Voraussetzungen. Dennoch liegt die Erfolgsquote der deutschen Dopingjäger bei ihren tausenden Trainingskontrollen gerade mal bei 0,1 Prozent. Warum werden nur so wenige Sportler positiv getestet, wenn in anonymen Umfragen bis zu 35 Prozent von ihnen angeben, verbotene Mittel zu nehmen? Finanziert wird das System, bei dem eine Probe bis zu 600 Euro kostet, vor allem vom Bund – und damit vom Steuerzahler – von einigen Sponsoren und den Sportverbänden. Ansonsten trifft man bei Nachfragen eher auf Schweigen – eine interne Anweisung der NADA untersagt ihren Auftragnehmern die Kommunikation mit Medien. Das deutsche Anti-Doping-System scheint vor allem ein Placebo für die Öffentlichkeit zu sein, das den Glauben an die konsequente und erfolgreiche Doping-Bekämpfung erhalten soll. (Text WDR, März 2014)



Per Günther. Einer der besten Basketballspieler Deutschlands. Der Mann, der wenn es darauf ankommt, verlässlich einen Dreier wirft. Wie seine Kollegen aus der Nationalmannschaft ist Per Günther in einem speziellen Testpool der NADA. Mit Doping-Kontrolleuren hat er seine ganz speziellen Erfahrungen gemacht.

Per Günther (Basketballnationalspieler):
"Die kommen natürlich gerne Morgens. Mein persönliches Empfinden ist, dass die gerne kommen und schnell wieder gehen, um möglichst viele Kontrollen an einem Tag zu schaffen. Von meinem Rechtsempfinden her ist mein zu Hause irgendwie ein Breich, wo ich mich wohlfühle und wo ich darüber entscheiden möchte, ob jemand in mein Zuhause eindringt oder nicht. Es sind wildfremde Männer, die ich nicht kenne, mal kontrolliert mich einer öfter, mal nicht, die dann wann es der NADA passt oder nicht klingeln die bei mir. Und wenn die bei mir klingeln sind sie der Chef."

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Per Günther ist einer der wenigen Sport-Profis, der öffentlich das Dopingkontrollsystem und die Arbeit der NADA in Zweifel zieht. Anspricht, was es heisst, immer und überall erreichbar zu sein. Kritisiert, wie sich die Dopingkontrolleure bei ihrer Arbeit verhalten.


Die Nada bei der Pressekonferenz. Ein jährlicher Fixtermin. Regelmäßig wird mehr Geld vom deutschen Steuerzahler gefordert. Und: die Zahl der positiven Dopingfälle wird präsentiert. Eine Bilanz, die für 2012 – dem letzten Berichtszeitraum – unglaublich gut ausfiel.

Bei den von der NADA in Auftrag gegebenen über 8000 Trainingskontrollen gab es acht positive Fälle. Ein Erfolgsquotient von 0,1 Prozent. Dass solch eine Quote nichts mit der Wirklichkeit zu tuen haben dürfte, kritisieren Experten seit langem.

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Reporter: "Sind Ihnen 0,1 Prozent nicht zu wenig?"

Andrea Gotzmann (NADA-Vorstandsvorsitzende):
"Wir hinterfragen diese Zahl natürlich auch kritisch und versuchen permanent unser System zu verbessern. Und wirklich die Abschreckung zu erhöhen. Aber, wir tun viel und wir tun vieles, was andere nicht machen. Und da sollten wir auch stolz drauf sein."

Perikles Simon (Anti-Dopingforscher, Universität Mainz)
"Es ist leider schon so, dass man in den Trainingskontrollen so gut wie gar nichts detektiert. Und dafür dann die Persönlichkeit so stark einzuschränken ist schon eine sehr große Zumutung. Da muß man sich wirklich überlegen, ob dass gerechtfertigt ist."

Ein Antidopingsystem das kaum noch positive Proben findet – den Steuerzahler aber jedes Jahr mehrere Millionen kostet.
Wir wollen wissen, was dahinter steckt, machen uns auf den Weg quer durch Deutschland. Wer profitiert eigentlich von diesem System? Wo geht das Geld hin?
Wir suchen die, die den Kontakt mit den Sportlern haben: Die Kontrolleure.

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Eine erste Erfahrung: mit der Transparenz der NADA scheint es nicht weit her. In einem internen Lastenheft schreibt sie ihren Auftragnehmern folgendes Verhalten vor:

"Der Auftragnehmer stellt sicher, dass sich das von der NADA akkreditierte Personal zur Probennahme noch vor Beginn seiner Ausbild verpflichtet, jedwede Äußerungen in der Öffentlichkeit und gegenüber den Medien hinsichtlich seiner Tätigkeit, der NADA oder der Dopingbekämpfung im Allgemeinen zu unterlassen."


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Die NADA begründet das mit Persönlichkeitsschutz. Trotzdem treffen wir Kontrolleure die mit uns reden wollen. Die Zweifel am System haben. Die aus Angst aber nur anonym reden wollen.


Fragen eines Dopingkontrolleurs:

"Warum sind nur 1 Prozent aller Dopingproben positiv, wenn in anonymen Umfragen sechs bis 20 Prozent der Sportler angeben, verbotene Mittel zu nehmen?"

"Kommen wir zum falschen Zeitpunkt?"

"Ist die Logistik ausreichend?"


Ein anderer erzählt uns, dass er für eine Probenentnahme weniger als 40 Euro verdiene. Mit Fahrt mache das manchml kaum mehr als fünf Euro Stundenlohn. Kann das sein? Wir fragen nach bei PWC, der grössten deutschen Probeentnahmefirma. Bis vor kurzem noch als Monopolist für die NADA tätig:

Reporter: "Wir haben mal mit einem Kontrolleur gesprochen, der Blut- und Urinproben abnimmt. Er sagt, er kriegt 37 Euro pro Einsatz. Ist das korrekt?"

Volker Laakmann (Geschäftsführer PWC GmbH):
"Von wem haben Sie die Aussage?

Reporter: "Von einem Kontrolleur, der für sie arbeitet."

Volker Laakmann:
"Von einem von unseren?
Interessant. OK."

Reporter: "Ist das zutreffend?"

Volker Laakmann:
"Da mach ich keine Aussage dazu. Aber das ist ja interessant, dass Kontrolleure Preise preisgeben, die ich gerne hätte. Ja."

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Fakt ist: die Dopingkontrollfirma PWC scheint gut an dem florierenden Geschäft mit den Proben zu verdienen. Seit 2006 hat sich die Bilanzsumme des Unternehmens verzehntfacht. Für 2012 wird ein Jahresüberschuss von 184.000 Euro ausgewiesen.


Volker Laakmann (Geschäftsführer PWC GmbH):
"Ich bin Unternehmer, ich muß davon leben. Ich muß ja auch meine Rechnungen bezahlen. Natürlich will ich damit Geld verdienen. Wie jeder andere auch in seinem Beruf Geld verdienen möchte. So ist es nicht. Wir sind kein karitativer Verein. Das ist auch falsch. Aber es ist jetzt nicht so, dass hier unglaubliche Margen und Luftsprünge möglich sind. Ich fahr weder Porsche noch habe ich eine 23-Zimmer Villa. So ist es nicht."

Eike Emrich (Sportökonom, Universität Saarland)
"Offensichtlich, wenn man sich die Bilanz ansieht, werden ja Gewinne erzielt und das ist ja eben auch die Aufgabe einer GmbH. Wenn man aber möchte, dass gewisser Maßen der Sport sauber bleibt und man dies auch als moralische Aufgabe sieht, dann böte sich ja durchaus an, eine gemeinnützige GmbH zu betreiben, deren Ertrag wiederum in die Dopingbekämpfung fließt."

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Die Deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathletik vor einigen Wochen in Leipzig. Auch hier werden Dopingproben genommen.


Diesmal muß der zweifache Kugelstossweltmeister David Storl zur Urinabgabe. Auch er stört sich am Eingriff in die Privatssphäre, die das Antidopingsystem für ihn darstellt. Vor allem, dass er im NADA-eigenen System ständig angeben muss, wann er wo schlafen wird.

David Storl (zweifacher Kulgelstossweltmeister):
"Das greift schon ganz schön tief in die Privatshäre ein. Die Leute wissen schon drei Wochen im Voraus, wo ich bin und was ich vorhab, eigentlich. Wenn ich zu meiner Freundin fahre, dann muss ich das ja vorher eintragen. Und so sponatne Sachen – wenn man da vergisst sich einzutragen, dass man jetzt mal kurz nach Mannheim fährt zum Beispiel - dann wird einen einfach gleich mal ein Missing-Test reingehauen. Und das ist dann schon so eine Sache."

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Nach zwei sogennannten 'Missed-Tests' kann ein Athlet in der Regel aus der Nationalmannschaft fliegen, bei drei kann er für mindestens ein Jahr gesperrt werden.


Die Kontrollen vor Ort in Leipzig führt eine Firma aus Stuttgart durch. GQS – ein Unternehmen, gegründet von ehemaligen Dopingkontrolleuren die vom Deutschen Leichtathletikverband ausgebildet worden sind. Die damals vom DLV noch 85 Euro erhielten und denen dann von GQS ein Tageshonorar von 45 Euro angeboten worden ist.

Ein Interview vor Ort, lehnt die Firma GQS ab. Der Geschäftsführer besteht sogar darauf, in unserem Beitrag nicht erkannt zu werden. Über Vertragsinhalte äußere man sich nicht, lässt man uns später schriftlich wissen.

Das deutsche Anti-Dopingsystem: Obwohl öffentliche Gelder in Millionenhöhe fließen ist es intransparent. Und ineffektiv mit einer Erfolgsquote von 0,1 Prozent.
Ein System, dass sich schon mal selbst in Frage stellt.

Fragen eines deutschen Dopingkontrolleurs:

"Ist es sinnvoll einen Sportler einen Tag nach Ende seiner Karriere zu testen?"

"Das ganze Dopingsystem soll geheimnisvoll bleiben ..... "

"Reporter: "Wer profitiert von der Dopingbekämpfung?"

Eike Emrich (Sportökonom, Universität Saarland)
"Zunächst einmal viele moralische Unternehmer, die öffentlich Druck auf das System entfalten und dadurch, dass sie sagen, der Sport muss sauber werden das Ansehen ihrer eigenen Person erhöhen. Die Kosten für die Bekämpfung werden ja gewöhnlich von Dritten erstattet. Dann natürlich alle, die Dopingkontrolllabore betreiben, alle, die Tests organisieren und durchführen, sie alle profitieren davon. Und letztendlich auch Medien, die positiv oder negativ über Entwicklungen berichten können und die den Willen der moralischen Unternehmer verlängern und dadurch Druck ins System bringen."

Eine Dopingprobe ist teuer, kann bis zu 600 Euro kosten. Neben dem Steuerzahler und wenigen Sponsoren zahlen auch die Sportverbände selbst. Die also, die von den Erfolgen ihrer Sportler leben.

Perikles Simon (Anti-Dopingforscher, Universität Mainz)
"Es fängt damit an, dass keine wirkliche Unabhängigkeit gegeben ist im Anti-Doping-Kampf. Häufig sind das Instituationen, die auch davon leben – massgeblich davon leben, dass der Sport sauber stattfindet. Vor allem auch, dass er sauber wahrgenommen wird. Warum haben diese Institutionen dann Interesse Doping strikt zu verfolgen?!"

placebo perikles simon

Basketballnationalspieler Per Günther, hat öffentlich gemacht, was viele Athleten nervt. Seine Aussagen haben ein Zeichen gesetzt. Das es so eigentlich nicht weiter gehen kann.

Per Günther (Basketballnationalspieler)
"Es gibt einfach Momente der extremen Frustration mit diesem System zusammen.
Ich habe kein Gefühl von miteinander, irgendwie. Normalerweise müßte ich halt eine Dankbarkeit sehen. Normalerweise müsste ich als Sportler ja froh sein, dass es die NADA gibt, weil die dafür garantieren sollte – eigentlich – dass wir alle die gleichen Chancen haben. Aber das ist eben nicht mein Empfinden."

Das deutsche Anti-Doping-System.
Ein gutes Geschäft – nur: nicht unbedingt für den sauberern Sport.

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